Oma, die im Regen tanzte

Wie ich Trude Teiges Roman "Mormor danset i regnet" über den Massensuizid in meiner Heimatstadt Demmin entdeckte

 

Es begann alles mit Google. Um genau zu sein, mit “Google.no”, der norwegischen Version der Suchmaschine.

Ohne es zu beabsichtigen, suchte ich mit dieser mehr als nur einmal vergeblich. Vergisst man bekanntlich bei der Suche nach einer deutschen Quelle auf die deutsche “Google.de” Seite zu wechseln, steht man dann vor den lustigsten Ergebnissen, findet aber nicht, wonach man eigentlich ursprünglich gesucht hatte. Die automatische Standortbestimmung kann dann schnell zur Frustration werden.

Dieses mal hatte ich jedoch die Intention die Grenzen des norwegischen Googles ausfindig zu machen und tippte “Demmin” in das Suchfenster ein — aus reiner Neugierde, und ohne grosse Hoffnungen irgendetwas ausser den Wikipedia Artikel zu finden.

Demmin ist eine kleine Hansestadt im Nordosten Deutschlands. Sie ist gleichzeitig auch der Ort an dem ich geboren bin, in dem ein Großteil meiner Familie lebt und den ich als meine Heimat bezeichne.

Demmin Clara Zetkin Straße (früher Adolf - Hitler Straße)
Demmin - Clara Zetkin Straße (früher Adolf - Hitler Straße)

 

OMA, DIE IM REGEN TANZTE

 

Erstaunlicherweise spuckte “Google.no” wirklich etwas aus, mit dem ich kaum gerechnet hatte. Den Titel eines Buches, eines norwegischen Romans “Mormor danset i regnet” (“Oma, die im Regen tanzte”) geschrieben von der norwegischen Autorin Trude Teige.

Ich liess keine Zeit verstreichen und versuchte dann sofort herauszufinden, worum es in dem Buch ging, las Rezensionen und die durch das Buch ausgelöste öffentliche Diskussion um die “tyskerjentene” (die norwegischen Frauen deutscher Soldaten). Mein Interesse war geweckt. Mehr noch, ich machte es mir zur Aufgabe der Sache etwas extensiver auf den Grund zu gehen.

Wie sich herausstellte, ist das Buch eine auf Zeitzeugenaussagen beruhende Fiktion. Eine Familiengeschichte, welche die grauenvollen Geschichten um die “tyskerjentene” mit denen des Massenselbstmordes in Demmin im Mai 1945 vereint.

Trude Teiges Buch "Mormor Danset i regnet"
Trude Teiges Buch "Mormor Danset i regnet"

 

MAI 1945 IN DEMMIN

 

Trude hatte also eines der dunkelsten Kapitel meiner Heimatstadt zum Inhalt ihres Romanes gemacht. Eine Zeit über die erst in den letzten Jahren wieder öffentlich gesprochen wurde und die ich selber von den Geschichten meiner Familie kenne, die aber nie wirklich umfassend diskutiert wurden.

 

Die Gräueltaten der Russen, die sich für die von der deutschen Armee verübten Tötungen, Folterungen und Vergewaltigungen im Osten rächen wollten, erreichten Deutschland bereits vor Mai 1945.

Die schiere Angst, vor dem was nun passieren würde. Der Scham, Teil des großen Machtapparates gewesen zu sein und einer Ideologie gefolgt zu sein, die sich regelrecht Luft aufgelöst hatte. All dies gepaart mit dem Stolz, der es nicht zuliess, freiwillig vor der roten Armee zu kapitulieren. Viele Deutsche sahen in völliger Resignation und Hoffnungslosigkeit in die Zukunft . Eine Zukunft in der sie und ihre Familien nicht leben wollten und sollten. In ganz Deutschland wählten daher viele einen Ausweg, einen den Hitler selbst Ende April 1945 gewählt hatte — Suizid.

In Demmin allein, starben innerhalb von wenigen Tagen, im Mai 1945, nahezu 1000 Menschen durch den Freitod. Diese kleine Stadt bekam damit tragisches Denkmal des grössten Massensuizides ganz Deutschlands. Die Toten waren jedoch nicht nur Erwachsene, die freiwillig ihrem Leben ein Ende setzten, es waren Kinder, deren Eltern sie bewußt vergiftet, zum Ertrinken gebracht oder erschossen haben.

KIND, VERSPRICH MIR, DASS DU DICH ERSCHIESST

 

Der Nürnberger Historiker und Redakteur Florian Huber hat sich bereits vor wenigen Jahren umfassend mit diesem Thema auseinandergesetzt. In etwa zum gleichen Zeitpunkt an dem Trudes Roman recherchiert wurde. In seinem Buch “Kind, versprich mir, dass du dich erschießt” versucht er Tagebuchaufzeichnungen und Zeitzeugenaussagen insbesondere die Beweggründe zusammenzufassen und beschreibt ausführlich die letzten Stunden vieler Demminer Familien. Er selbst hatte von der Demminer Tragödie nur zufällig durch die Fußnote in einem anderen Buch erfahren, und griff dann das bis dato nie umfassend beleuchtete Thema auf.

Trude Teige hingegen wählt einen literarisch anderen Weg und vereint die makabere Historie ihres eigenen Landes mit der Demmins. Ihr Buch ist Zeugnis der Angst, des Schams, der Hoffnungslosigkeit und gleichzeitig auch der Zerstörung und des Schmerzes. Vielleicht gerade weil Trude Norwegerin ist und mit dem Thema womöglich anders als eine deutsche Autorin gegenüber tritt, findet sie auch immer den Schimmer der Hoffnung, der Liebe, des Verstehens und der Empathie. Dieses machte das Buch für mich zu etwas Besonderem, da es zu einer anderen Sichtweise anregt.

 

DIE TRAGISCHE GESCHICHTE DER "TYSKERJENTENE"

 

In Norwegen war das Buch ein kleiner Kassenschlager. Es führte dazu, dass das Thema “tyskerjentene” wieder in die Schlagzeilen der Tageszeitungen, und sogar bis auf den Tisch der Staatsministerin Erna Solberg gelangte.

Als Tyskerjentene wurden Norwegerinnen bezeichnet, die sich zu Kriegszeiten in einen Deutschen verliebt hatten. Auch wenn “tyskerjentene” wortwörtlich übersetzt “Die deutschen Mädchen” bedeutet, und ein eher neutrales Wort zu sein scheint, hatte diese Betitelung für die Frauen eine tiefere, tragischere Bedeutung.

Die norwegische Bevölkerung war nämlich diesen Liebesbeziehungen feindselig gegenübergestellt. Den Frauen wurden von anderen unter Zwang die Haare abgeschnitten, so dass sie ihre Scham öffentlich zur Schau tragen mussten. Jeder sollte wissen, dass diese Frauen ihr Land verraten hatten, in dem sie sich mit einem Deutschen eingelassen hatten.

Die norwegische Regierung entriss ihnen sogar nach der Hochzeit die norwegische Staatsbürgerschaft, internierte sie und sandte sie nach Deutschland — nun als deutsche Staatsbürger.

Es gab zwischen 2000–3000 solcher norwegisch-deutschen Eheschliessungen, die meisten davon in 1945. Die Dunkelziffer aller “tyskerjentene” ist aber weitaus höher, und kann wohl nie mehr erfasst werden. Signifikant ist jedoch, dass es auch Beziehungen zwischen Norwegern und deutschen Frauen gab. Diese wurden jedoch gesellschaftlich nicht gebranntmarkt.

Viele Norweger warten seitdem auch auf Erna Solbergs offizielle Entschuldigung und Verurteilung des Umgangs der norwegischen Autoritäten mit den “tyskerjentene”.

Dieses ist jedoch bis heute nicht geschehen.

PERSÖNLICHE EINDRÜCKE

 

Leider ist Trudes Buch bisher weder in Englisch, noch Deutsch übersetzt worden, was hinsichtlich des Inhaltes und dem möglichen Interesse sehr schade ist. Ich hoffe jedoch, dass sich dies bald ändern wird, und das ich vielleicht auch mithelfen kann, den Anstoß dazu zu geben.

Bei mir selbst hat das Buch großen Eindruck hinterlassen. Gerade weil es eben nicht nur die penible Schilderung von Ereignissen ist, oder der Versuch zu erklären warum so viele Menschen den Freitod gewählt haben, anstelle des Lebens.

Es ist ein Buch, das Gefühle wie Trauer, Angst, Schande und Hoffnungslosigkeit anspricht, ohne zu verurteilen. Es regt den Leser zum Mitgefühl und zum Relativieren an. Es will das Schicksal einer “tyskerjentene” im zerstörten Nachkriegsdeutschland erzählen und lässt unsagbares Leid mit Hoffnung verschmelzen. Ich begann nach dem Lesen automatisch darüber nachzudenken, ob vielleicht diese Ereignisse in Demmin im Mai 1945 eine Narbe hinterlassen haben, die bis heute nicht geschlossen werden konnte. Das sie vielleicht ansatzweise erklärt warum der einstige Glanz dieser Stadt nie wieder aufleben konnte. Bis heute nicht.

Eingang zum Amtsgericht in Demmin
Eingang zum Amtsgericht in Demmin

TRUDE TEIGE UND ICH

Meine Begeisterung über Trudes Buch und eben die Tatsache, dass ich als Demminerin hier in Norwegen lebe und nun regelrecht über ihr gestolpert bin, wollte ich unbedingt mit der Autorin selbst teilen. Ich vermutete gleichzeitig, dass es hier so viele von uns “Demminern” sicher auch nicht gibt. Kurzum schickte ich ihr eine Nachricht.

Und, zu meiner Überraschung, bekam ich nur kurze Zeit später eine Antwort von ihr. Trude war daran interessiert , mit mir gemeinsam über ihr Buch zu reden, und hat mir sogar beim Schreiben dieses kleinen Artikels geholfen.

Wir sind seitdem in Kontakt und ich werde in nächster Zeit versuchen mehr über dieses Buch und das Thema zu recherchieren. Ich möchte dabei unbedingt von Trude erfahren, wie sie dazu kam ein Buch über Demmin und diese Zeit zu schreiben. Wie fühlt es sich für eine Norwegerin an dieses Kapitel deutscher Geschichte zu recherchieren und wieviele der fiktionalen Episoden im Buch basieren auf Zeitzeugenaussagen oder sind reine Erfindungen?

Vor allem aber möchte ich Trude kennenlernen. Die Frau hinter diesem Buch, welche meine Heimat mit anderen Augen portraitiert und die viel Herz, Passion, Zeit und Menschlichkeit in eine der dunkelsten Zeiten dieser kleinen Stadt bringt.

Ich bin Trude schon jetzt unendlich dankbar für dieses Buch. Dafür dass sie mir ein wenig mehr die Augen öffnete und mein Interesse an diesem Thema neu erweckt hat. Womöglich wäre dies ohne ihr Buch nie passiert.

 

Meine Oma war 3 Jahre alt, meine Uroma 30, als sich beinahe 1000 Demminer um sie herum das Leben nahmen. Frauen, Männer, ganze Familien.

Dies ist daher auch meine Geschichte, meine Familie und meine Oma, die im Regen tanzte.

 

 

Mehr zum Thema & wie es war als ich Trude zum ersten mal traf findet ihr HIER.

 

Die Artikel des Nordkuriers zum selbigen Thema findet ihr hier.

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Comments: 3
  • #1

    Paul Bruhn (Saturday, 27 January 2018 18:15)

    Habe gerade dieses Artikel gelesen, nachdem ich auf Instagram darauf aufmerksam geworden bin. Danke dass du damit ein wenig die Geschichte unseres Heimatlandes (MV) durchleuchtest und hinterfragst. Sehr gut geschrieben!

  • #2

    Manu Zeggel (Monday, 26 March 2018 17:57)

    Liebe Katha, ich habe den Artikel gelesen und letzten Freitag natürlich den Film gesehen.ein Stück Geschichte wurde eindrucksvoll verewigt.
    LG nach Norwegen

  • #3

    Katharina (Holgersdaughter) (Monday, 26 March 2018 18:09)

    Lieber Paul, liebe Manu,

    vielen Dank für eure lieben Kommentare. Ich hoffe den Film so schnell wie möglich auch sehen zu können. Alles sehr spannend.

    Letzte Woche habe ich endlich Trude persönlich kennengelernt und schreibe gerade an einem kleinen Artikel dazu.

    Mehr dazu demnächst! Stay tuned. ;)

    Katha

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